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21. FEBRUAR 2012

Die Leiden des jungen Verlegers

Banger Moment gestern beim Auspacken der neusten Buchlieferung. Entspricht «Des Pilgers Stundenbuch» den Vorstellungen seines Schöpfers? Stimmen Druckqualität, Verarbeitung und Haptik? Hat die Ware beim Transport gar Schaden genommen? Wurden soviele Exemplare geliefert wie bestellt?

Jahrelange Geharbeit, Tage des Denkens, Schreibens und Gestaltens liegen nun in mehreren Kartons verpackt im Entrée des Verlagshauses. Weihnachten mitten in der Fasnachtszeit. Doch was in diesen Paketen schlummert, ist bloss ein emotionales Geschenk. Druckkosten, Transportkosten, Mehrwertsteuerkosten belasten die Kasse des Verlegers. Umso erfreulicher und erleichternder ist es, wenn das Produkt den Ansprüchen des Auftraggebers und hoffentlich auch der Käuferschaft gerecht wird. So warte ich gespannt auf Bestellungen, die da kommen mögen. Auf dass sich die Habenseite des Ertragskontos mit erklecklichen Zahlen füllen!

 




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18. FEBRUAR 2012

W. ist unschuldig

Da sassen wir also zu viert im Städtchen Murten bei einer Flasche Petite Arvine und vorfreuten uns auf die Resultate des Kochs Künste. Der Ort des Geschehens: Die Freiburger Falle, ein rustikales Kellerrestaurant mit «rustikalischen Pommes frites» (Zitat Speisekarte). Vorangegangen war ein extraordinärer Wandersprint von Laupen via dem hierbei etwas unpassenden Kriechenwil, Liebistorf und Salvenach nach dem erwähnten Zähringer Flecken Murten. Essen, Ambiente und Bedienung machten in der Freiburger Falle eine ebensolche, selbst der Locus hatte Stil und ausnahmsweise nervte nicht einmal die Musik.

Der Wanderexpress bei Salvenach

Die postlukullische Fortsetzung galt dem Weg nach Avenches, wobei wir vom erhofften Beach-Feeling wenig mitbekamen. Zu dicht am Wasser standen die meist unbewohnten Wochenendhäuser. Kurz, ich fand das Diner besser als die Nachmittagsroute ins römische Aventicum – immerhin einst die Hauptstadt Helvetiens –, wo das auf mittlerweile zwei stramme Beinler zusammengeschrumpfte Trüppchen nicht einmal eine bahnhofsnahe Knelle vorfand. W. tröstete mich dann mit einem Red Bull, welches er irrtümlicherweise am Selecta-Automaten rausgelassen hatte. Alles in allem eine erfrischende Tour auf der Schneide vom späten Hoch- zum frühen Spätwinter. Das Einzige, was ich am Ende vermisste, war der Objektivdeckel meiner Kamera. Aber dafür kann W. nichts.

PS. Ws Version gibts auf seinem empfehlenswerten Blog.

Hier sassen wir auf Lammfellen, hörten leichten Jazz und tafelten vorzüglich

Der Jüngling und das Meer irgendwo bei Greng

 




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16. FEBRUAR 2012

Randnotizen

Schwarzenburg, schneeweiss, Gnomengarten, Schulkinder, nass die Strassen, schwarzgeräumt, Einfamilienhausquartier ziemlich neu, Dorfbachschlangenlinie (renaturiert), Linksabbieger, Eidgenössisches Ausbildungszentrum Schwarzenburg EAZS, Centre fédéral d'instruction de Schwarzenburg CFIS, Centro federale d'instruzione di Schwarzenburg CFIS, Federal Training Center Schwarzenburg FTCS, Willkommen, Bienvenue, Benvenuti, Welcome (Rätoromanisch wo? Portgaria, portgaria!), Asphalt, Asphalt, Asphalt, Hofland, Pfantleen, Linolschnitt-Landschaft, Wildengraben, verwahrloste Höfe, klapprige Scheunen, Nötenhaus (kein Wunder), Käserei, Aktuell: Chäsi-Schlagrahm, Westwind auffrischend, Schulhaus Widen, fern, fern, fern Kirche Rüschegg, Himmel verhangen, grau, aschgrau, Hof Boden, Hundegebell (harmlos), Schweinerei ums Gehöft (portgaria, portgaria!), Wislisau, Restaurant Lamm, Plastikeiszapfen über dem Fenstersturz, kitschig, kitschig (schon wieder Plastik!), Gaststube, Kaffee Creme, Musigwälle 531 Ruf Teddybär eins vier.

Schwarzenburg

Postautohaltestelle Schulhaus Widen, Milken

Auf der Furen über dem Rüschegg-Graben

 




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14. FEBRUAR 2012

Plastik am Ende

Vor etwa 15 Jahren erstand ich zum Schnäppchenpreis ein Paar Kunststoff-Schalenschuhe. Ich war es nämlich leid, nach beinahe jeder Schneeschuhtour die Lederschuhe eincremen zu müssen, damit die Füsse trocken blieben. Von den Plastiktretern erhoffte ich mir daher Abhilfe. Keine Pflege, warme Flossen, fester Halt und langes Leben. Der einzige Nachteil des Fabrikats war das Gewicht.

Während 15 Wintern haben mir die Schuhe also beste Dienste geleistet. Unzählige Schneeschuhwanderungen, darunter solche mit Zeltbiwak, habe ich dank der Plastiktechnologie ohne pedestrische Beeinträchtigung absolviert. Einmal trugen sie mich anlässlich eines viertägigen Gletschertrekkings gar auf die 3962 Meter hohe Äbeni Flue unweit der Jungfrau.

Und nun kam es am 4. Februar, auf der Wanderung von Olten nach Murgenthal, zum abrupten Ende. Es spricht für die Qualität des Schuhs, dass ich den Carosserie-Schaden erst nach Erreichen des Etappenziels bemerkte. Wann genau die Schale in die Brüche ging, kann ich nicht sagen. Die Obduktion der Leiche hat ergeben, dass der Primärbruch an der Fussbettkante erfolgt sein muss, an einer sogenannten Sollbruchstelle. Lebe wohl mein Pärchen, ein Ehrenplätzchen im Wanderschuhhimmel sei dir gewiss. Und wie du im Blog vom 11. Februar hast lesen können, habe ich bereits eine Nachfolge gefunden.

 




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13. FEBRUAR 2012

Die Autoscheuche, die Möve und der Hund

Heute auf dem Weg von Rapperswil nach Schmerikon drei Begegnungen:

1. An der Deltaspitze bei der Jonamündung auf dem Schotter liegend eine offensichtlich verletzte Sturmmöve. Mit flehendem Blick schaut sie zu mir hoch. Was tun? Ich überlasse sie der Natur und somit sich selber. Richtig oder falsch?

2. Dreiviertel Stunden vor Schmerikon ein wolfartiger Hund, bellstumm. Zweifarbig sein Augenpaar, Streicheleinheiten sein Wunsch. Ich streichle und kraule, frohlocke und versuche, das Tier vor die Linse zu bringen. Doch der sibirische Husky will zu Herrchen ins Haus. Von wegen stumm: Mit Wolfsgeheul, die Schnauze artgerecht nach oben gerichtet, bittet er um Einlass. Prompt öffnet Jack London die Tür. In langen Unterhosen und leicht verdutzt, wie er mich mit Kamera im Anschlag sieht. Ich rühme den Hund. Aus Italien habe er den, mit anderthalb Jahren von der Verwahrlosung gerettet. Nun sei er elf und noch immer gut im Schuss. Ich hätte ihn am liebsten auf der Stelle mitgenommen. Doch mehr Verdutztheit traue ich dem Unterhosenmann im Moment nicht zu.

3. Im Schmerikoner Einfamilienhausquartier-am-Hang-mit-Blick-auf-See-und-Berge eine Autoscheuche. Never seen before! Schade gibts nicht mehr davon.

 




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11. FEBRUAR 2012

Liebe auf den zweiten Blick

Letzte Woche ging ich Wanderschuhe kaufen. Unmodisch wie ich nun mal bin, reichte dafür der Outlet-Shop eines Bergsportgeschäftes, frei nach dem Motto: Selbst der vorletzte Schrei schreit immer noch laut genug. Im Laden stach mir dabei ein Paar Schuhe im Techno-Look ins Auge. Nicht des Aussehens wegen - Techno und Wandern, das ist absolut pfui -, sondern wegen der Funktionalität. «Mischung aus Expeditions- und Trekkingschuh», las ich auf einem Zettel. Genau das wars, worauf ich es abgesehen hatte. Wintertauglich und steigeisenfest mussten die Treter sein. Somit waren die Hauptkriterien erfüllt. Ich schnappte mir zwei Exemplare der Grösse 45 und zelebrierte die Anprobe. Jetzt erst bemerkte ich den herausnehmbaren Innenschuh, was den Wintertauglichkeitsfaktor zusätzlich erhöhte. Und was ich nicht für möglich gehalten hätte, wurde Tatsache: Der Schuh passte! Der Preis tat es freilich auch. Meine Modemuffelei wurde mit einem Rabatt von sage und schreibe 415 Franken belohnt.

Also machte ich mich heute mit meiner technoiden Neuerwerbung auf die Jungfernwanderung. Inspiriert von Therese Bichsels Roman «Das Haus der Mütter» (Zytglogge Verlag, Oberhofen, 2001) schritt ich im Trekking-Expeditionsstil von Hasle-Rüegsau, wo Bichsels Geschichte zur Hauptsache spielt, via Wägesse-Biembach (ebenfalls Romanschauplatz) nach Krauchthal. Beissender Biswind und Polarkälte (-10 Grad) trieben mich pausenlos über schneeverwehte Wege.

Meine Gehwerkzeuge machten dabei eine formidable Figur, ja, ich bin sogar der festen Überzeugung, dass sich meine Füsse mit den grauen Eminenzen ebenfalls angefreundet haben. Auf ein langes, gemeinsames Leben, ihr vier!

 




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8. FEBRUAR 2012

Wie der Formel-1-Werber Bergbeizer wurde

Eine Wanderung gibt manchmal soviel Schreibstoff her, dass dessen Verpackung in einen einzigen Blogeintrag den Rahmen der erträglichen Leselänge sprengen würde. So war es auch am 28. Januar, als ich im Schnee von Flawil nach St. Peterzell ging. Gerne komme ich deshalb auf eine Begegnung zurück, die mir nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Es geht um Michael Behrendt, den Wirt der Bergwirtschaft Fuchsacker oberhalb Degersheims.

Aus Köln sei er, sagte er mir in der niedrigen Gaststube auf die Frage nach seiner Herkunft. «En eschter Kölsch!» Natürlich wollte ich wissen, wie er denn auf den Fuchsacker gekommen sei. Bevor der ausgebildete Maschinen-Ingenieur die Bergbeiz erwarb, war er in der Werbung tätig, vornehmlich für den Formel-1-Zirkus. Als ihm eines Tages die Autoleasingfirma den Geschäftswagen einzog, kam der Mann über die Gründe, die dazu führten ins Grübeln. Statt der jährlich vertraglich vereinbarten 40 000 Kilometer fuhr Behrendt über 100 000. Da ging dem pausenlosen Vielfahrer und Rund-um-die-Uhr-Schaffer ein Licht auf. «So konnte das nicht mehr weitergehen», sagte er sich. Also beschlossen seine Frau Wiebke und er, an der Situation radikal etwas zu ändern. Man verkaufte sämtlichen Geschäftsbesitz, darunter auch das Romantikhotel, welches Behrendts Auslandschweizerfrau in der Nähe von Köln führte und nahm sich eine Auszeit von zwei Jahren vor.

Mit einem minensicheren und panzerglasbestückten Mehrtönner-Mercedes wollten die Behrendts auf dem Landweg von Deutschland nach Südafrika reisen, zu Freunden, die dort ein Weingut bewirtschafteten. Im Südsudan wurde es der fünfköpfigen Familie wegen des Bürgerkrieges zu brenzlig. Eine Weiterreise durch Zentralafrika oder per Frachtschiff kam aus Sicherheits- bzw. Kostengründen nicht infrage. Also blies man, nicht zuletzt der drei Kinder wegen, zum Rückzug.

Auf der Nachhausefahrt gelangten die Behrendts nach Dicken im Untertoggenburg, wo sie ebenfalls Freunde wussten. Der Zwischenstopp sollte weitreichende Folgen haben. In dieser Zeit stand nämlich gerade der Berggasthof Fuchsacker, auf halbem Weg zwischen Dicken und Degersheim gelegen, zum Verkauf. Man schaute sich das heruntergekommene Anwesen an und entschied, das hübsch in einer kleinen Waldlichtung auf aussichtsreichem Hügelgrat gelegene Wirtschäftlein zu erwerben.

«Das war vor neun Jahren und ein absoluter Glücksfall», wie Michael Behrendt auch heute noch überzeugt ist. Seit der Übernahme der Liegenschaft hat der umtriebige Kölner viel Zeit, Geld und Herzblut in den Betrieb gesteckt. Dringende Sanierungen mussten getätigt werden, damit den Gästen ein minimaler Komfort überhaupt noch geboten werden konnte. Nach einer Durststrecke von fünf Jahren, begann das Beizlein erstmals schwarze Zahlen zu schreiben. Doch Behrendt lehnte sich nicht zurück, um sich auf den berühmten Lorbeeren auszuruhen. Es wurde weiter gerackert, weshalb neuerdings auf dem Fuchsacker auch übernachtet werden kann. Aus dem ehemaligen Stallgebäude ist ein nettes Massenlager geworden. Selbst ein Doppelzimmer ist im Angebot. Der unermüdliche Einsatz zahlt sich auch ohne grosses Werbebudget aus. Michael Behrendt ist überzeugt, dass die Mund-zu-Mund-Propaganda nach wie vor die einträglichste Art der Gästeakquisition darstellt. Die zahlreichen Vereine und Firmen, welche sich auf dem Fuchsacker in den letzten Jahren einen gemütlichen Abend gegönnt haben, sprechen für sich und für das Angebot der Behrendts.

Auf die Frage, weshalb draussen eine Bernerfahne hänge, erklärte der Mann mit Didi-Hallervorden-Einschlag, dass seine Frau ursprünglich Bernerin sei. Aus Oppligen stamme sie. Oh, entgegnete ich, von dort käme auch Gölä der Sänger, ob er den kenne? «Ja, ja, Gölä, den kenne ich sehr wohl, antwortete Behrendt. «Gölä war auch schon auf dem Fuchsacker. Das hatte sich natürlich schnell herumgesprochen. Eines Tages kam der Pöstler und fragte in seinem Degersheimer Dialekt: ‹Isch Güle doo?›, worauf ich antwortete, ja es stinke schon den ganzen Morgen. – ‹Was, de Gölä stinkt?›, wollte der entsetzte Postmann wissen. Nein, der stinke doch nicht, nach Gülle rieche es, aber doch nicht der Gölä, der sitze dort hinten. Nun mussten wir beide lachen. Mit dem Dialekt ist das halt so eine Sache.»

Der Wirt zeigt mir anschliessend noch den jugendstilartigen Saal, wo er seine selbstgezimmerten Stühle stehen hat. Aus jeweils verschiedenen Gehölzen gefertigt, stellt jedes Stück ein Unikat dar. Er habe sich eine kleine Schreinerwerkstatt eingerichtet, erklärt er. Er mache jeweils 100er-Serien, nummeriere sie und kerbe sein Emblem auf die Unterseite der Sitzfläche. Der Käufer erhält dann auch ein Zertifikat, das bezeugt, dass dieser Stuhlserie einmalig ist und in dieser Form nicht mehr hergestellt wird.

Mir gefallen solche Geschichten nicht zuletzt deshalb, weil sie zeigen, dass Menschen ihr Leben selber in die Hand nehmen und mit dem notwendigen Willen viel bewegen können. Und das Schöne im vorliegenden Falle: Man muss nicht unbedingt in ein fernes Land auswandern, um Träume zu verwirklichen.

 




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4. FEBRUAR 2012

Aargau rundum II: Olten–Murgenthal

Ich wollte ja schon immer einmal den Hohen Norden im Winter erleben. Endlose Weiten, knirschender Schnee und eisige Temperaturen. All das habe ich heute Morgen beim Gang an den Bahnhof. Bei  minus 19 Grad – gemessen in einer Gebäudeecke der ehemaligen Post Burgistein-Station – und schwacher Bise ein netter Einstieg zur bevorstehenden Fortsetzung der Aargau-Umrundung. Vermutlich der angesagten Kälte wegen ist mein Wandertrupp «Sturm und Drang» auf ein mutiges Duo zusammengeschmolzen. Paradox und logisch zugleich.

Links tödliche Tiefe, geradeaus der Pfad zum Born

Mit dabei, Pilgerbruder und «Querschnitt Schweiz»-Mitstreiter B. Eine gute Viertelstunde vom Oltner Bahnhof entfernt, der Aufstieg zum Born, einem abtrünnigen Jurafelsen. 15 Minuten und du gehst auf einem Grätlein, zauberhaft, märchenhaft, betörend. Links der Abgrund, rechts die sanfte Neigung. Ab und an ein Bisenstoss und mehr als erhofft: blauer Himmel, Sonne pur. Olten mein zeitweiliges Winterwandermekka. Ich bin hin und weg.

Die Kälte ist nicht das Problem, es ist die Bise

Bornchänzeli. Eine Schweizerfahne, ein Geländer, eine Panoramatafel, ein Bänklein. Das Kino zeigt Landschaft. Der Aarelauf im Dunst verschwindend, die Hügelwelt vor und neben und hinter Vordemwald, meinem Heimatort. Und Rothrist. Aargau. Wir aber gehen solothurnisch. Gehen und gehen, im Schnee, unter der A1 hindurch (ohne Schnee), durch das Kieswerkareal bei Boningen. Gefrorener Baggersee zaubert nordisches Ambiente ins Rohstofflager helvetischer Bauwirtschaft.

Bornchänzeli: breiiges Rothrist, Aarelauf und oh, eine frische Schweizerfahne

Bei Fulenbach spielen Kinder auf einer zugefrorenen Lache Eishockey. Das Quartier bei der gedeckten Holzbrücke über die Aare heisst Höll. Höllisch der Autoverkehr über das 1863 erstellte, 1937 und 1984 renovierte Werk. Murgenthal wartet am anderen Ende. Murgenthal, Aargau.

 




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1. FEBRUAR 2012

Auf Betteltour mit Facebook & Co.

Michael Holzach ist kult. Zumindest in Deutschland. Doch Holzach lebt nicht mehr. Er ertrank 1983 beim Versuch, seinen Hund aus den Fluten eines Kanals zu retten. Dennoch werden seine Bücher oft und gerne gelesen. Den Kultstatus erlangte der Journalist und freie Schriftsteller mit einem Sozialprojekt, über welches er in «Deutschland umsonst» berichtete. Ohne Geld und in Begleitung eines Hundes zog Holzach zu Fuss durch Deutschland. Das Experiment hatte zum Ziel, herauszufinden, ob und wie es möglich ist, sich als mittelloser Landstreicher sechs Monate lang in einem Wohlstandsland  durchzuschlagen. Das war 1980.

Gut dreissig Jahre später macht sich Harald Braun im Auftrag des Rowohlt Taschenbuch Verlages ebenfalls ohne Geld und mit Hund auf den Weg durch seine Heimat. In Anlehnung an Holzachs Bestseller nennt sich das Projekt «Deutschland umsonst reloaded». Und weil Braun nicht als Kopie seines «Vorbildes» durch die Lande streifen will, soll ein zusätzliches Experiment Aufschlüsse über das Sozialverhalten des Homo internetus bringen. Der Proband benutzt dabei die Technologie von sozialen Netzwerken, sprich Facebook, dem Platzhirsch im virtuellen Revier. «Ist ein solches Netzwerk auch ein Nutzwerk?» so die Frage des Autors. In Ergänzung dazu soll ein laufend aktualisierter Blog den facebook-scheuen Webmenschen am Abenteuer teilhaben lassen.

Fazit: Auf seiner rund 1000 km langen Route von Bayern nach Norddeutschland kann der Bettler auf Zeit beachtliche 80% der Gratisübernachtungen via Blog oder Facebook generieren. Bis zu 600 Leute verfolgen gegen Ende der Tour die Machenschaften des 51-jährigen Journalisten, der von sich selber behauptet, nicht gerade ein Wanderspezi zu sein. Dafür ist das Buch äusserst unterhaltsam zu lesen, wenn auch nicht ohne Beklemmnis. So ist es zumindest mir ergangen, wenn ich an all die wahren Obdach- und Mittellosen in unseren Breitengraden denke, die täglich ums nackte Überleben kämpfen, sich im Winter Tag und Nacht der Kälte entgegenstemmen. Wie viel einfacher ist es doch, einem zwar unbekannten, aber im Rahmen eines Buchprojektes umherziehenden Autor ein Bett für die Nacht, eine Mahlzeit oder gar etwas Bargeld zu schenken, vielleicht gar in der leisen Hoffnung, im Buch löbliche Erwähnung zu finden. Immerhin stellt sich Harald Braun am Ende des Berichts die Ethik-Frage selbst noch einmal, nachdem er bereits im Frankfurter Bahnhof keinen Zugang zum realen Bettelvolk gefunden hat. Offenbar haben ihn die «Profis» auf den ersten Blick als Pseudo enttarnt.

Wie dem auch sei, ich lege dieses Buch dennoch allen ans Herz, die 1. kurzweilige Reiseliteratur eines Wohlstandsjournalisten haben möchten, 2. sich über die «Generation FB» einen bescheidenen Einblick verschaffen wollen und 3. sich bewusst sind, dass auch der Mensch Harald Braun seine Brötchen «irgendwie» verdienen muss, um nicht plötzlich doch als echter Bettler dazustehen.

Harald Braun: Deutschland umsonst Reloaded, Rowohlt, Reinbek, 2011
Michael Holzach: Deutschland umsonst, Piper Malik, München, 2009

 




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28. JANUAR 2012

Die wiederentdeckte Disziplin

Nicht, dass ich das sanktgallische Flawil besonders reizvoll finde. Die Begeisterung bei meiner Ankunft vor Wochenfrist hielt sich in Grenzen. Es geht vielmehr ums Untere Toggenburg, das mir lieb ist. Aus dieser Optik macht Flawil die bedeutend bessere Falle: Als Ausgangspunkt für den Högerkosmos zwischen A1 und AR.

Nasser Bequemschnee am Aufstieg nach Wolfertschwil. Zehn Minuten hinter Flawil das pure Landleben. Jeder noch so kleine Ast trägt weiss. Eine halbe Nacht hat aus brauner Kahlheit eine Zauberkulisse kreiert. Beim Hof Dechenwies eine Herde Kühe im Schneefall. An der Stallwand die gemalte Szene der Enthauptung von Christoph Lieber. Die Örtlichkeit war einst Sitz des Klostervogtes von Magdenau. Lieber war einer dieser Vögte und wurde am 9. Juni 1712 in Liechtensteig enthauptet.

Zehn Minuten hinter Flawil beginnt das Landleben

Stehen gebliebene Zeit in der Wolfertswiler Bäckerei, wo ich mir einen Berliner Pfannkuchen kaufe. Energie für den Weitermarsch nach Degersheim und von da hoch zur Bergwirtschaft Fuchsacker. Übergross das Zifferblatt an der katholischen Pfarrkirche von Tegersche, wie das Dorf von den Einheimischen genannt wird. Die Nähe zum Appenzellischen ist unverkennbar. Die Wegweiser der Rundwanderung um Degersheim sind mit «Rond om Tegersche» beschriftet. Lieblicher Klang in den Ohren eines Berners.

Stehen gebliebene Zeit in Wolfertswil. Der Pfannkuchen indes war frisch und gut!

Bereits im Kanton Appenzell Ausserrhoden dann der Fuchsacker. Eine gemütliche Bergbeiz, gelegen auf einem Hügelrücken. Postalisch zu Degersheim, politisch zur Gemeinde Schwellbrunn gehörend. Aus aktuellem Anlass den zu Hause darbenden Thomas Widmer per MMS angefunkt. Ich solle den Fochsenacker von ihm grüssen, zugleich aber auch Vorsicht walten lassen. Sein alter Onkel schleiche dort jeweils mit dem Jagdgewehr herum, antwortet Wanderkolumnistenkollege Widmer gewohnt prompt. Wie dieser Blog beweist, bin ich dem möglichen Kugelhagel auf dem Fochsenacker heil entronnen.

Fuchsackerbeiz: Willkommene Gemütlichkeit nach zwei Stunden Schneestapferei

Die Fortsetzung meiner Toggenburger Lustwandelei führt nachmittags vorbei an zahllosen Heimetli in abseitiger Lage. Befreiend, erquickend und allenthalben äusserst fotogen das alles, unterbrochen vom einst in Hochblüte stehenden Industriedorf Dicken, wo das geübte Auge jedes noch so kleine Fabriklein, jeder noch so kunstvoll umgenutzte Webkeller sofort erkennt. Und als Zugabe äusserst abwechslungsreiche ¾-Stunden Hangtraverse nach St. Peterzell, das mir  in der Vergangenheit schon mehrmals als Etappenort gelegen kam. Die wiederentdeckte Disziplin des schneeschuhlosen Winterwanderns hat mir einmal mehr einen Gehgenuss erster Güte beschert.

Obergampen, eines der zahlreich abgelegenen Heimetli im Toggenburger Hügelland

 




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24. JANUAR 2012

Ich bin dann mal

Nach jahrelanger Pilgerei auf dem Schweizer Jakobsweg, häppchenweise, einzelne Tage, Wochenenden bloss, nun endlich die Vorfreude auf das baldige Erscheinen des Destillats meiner wallfahrerischen Bemühungen. In Buch- und nicht etwa in Flaschenform, wie man vielleicht zu denken geneigt ist. Betitelt ist es mit «Des Pilgers Stundenbuch», enthält 77 farbige Eindrücke und ebenso viele Weisheiten aus meinem geistigen Fundus. Obschon mit 88 Seiten ein für die Edition Wanderwerk eher dünnes Elaborat, bin ich in gespannter Erwartung des ersten, gänzlich in Farbe gestalteten Buches im ansehnlichen Format von 210 x 210 mm, ausgestattet mit Fadenheftung und festem Umschlag. Wer nun befürchtet, der Jakobsweg habe den Moor zum frommen Dichter gemacht, soll sich vom bewusst gewählten Titel «Stundenbuch» nicht irritieren lassen. Weder sein Verfasser noch der zukünftige Leser ist als «Stündeler» zu bezeichnen. Zu witzig-kritisch-weltlich-philosophisch-frech sind die Texte, zu unkonventionell die Fotos. Ein echter Moor eben. Für weitere Details konsultiere man bitte die entsprechende Seite.


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Lieber Wanderfreund, es ist eine freudige Überraschung, dass Sie Ihren treuen und vielleicht auch neuen Moor-Fans ganz unverhofft ein weiteres «Wanderwerk» präsentieren. Mit Spannung erwarte ich das Buch, welches ich hiermit natürlich auch gleich bestelle. Es klingt sehr vielversprechend, wie auch Ihre anderen Bücher. Es grüsst Sie herzlichst Julia aus Deutschland

 




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21. JANUAR 2012

Der Vorteil der Klugheit

Nein, bei solchem Wetter schickt man keinen Hund vor die Türe. Selbst der hartgesottenste Öko-Bauer holt sein Vieh von der Winterweide. Voller Stolz, bereits bei der Planung dieser Wandertat den inneren Schweinehund überwunden zu haben, trabe ich im toggenburgischen Bütschwil los. Eine Viertelstunde später werde ich bereits Lügen gestraft. Auf sturmumbrandetem Feld kommt mir ein Hund entgegen. Sein Herrchen, den Schirmgriff fest umklammert, hinterher. Bei Ganterschwil, am Necker unten, trotten durchnässte Pferde im Matsch vor dem Stall herum. Und in Tufertschwil, wo sich keine Menschenseele blicken lässt, imitieren klamme Kühe die Stellung von Hector dem Stier, wenn er seine Vorderbeine hoch nimmt und der weiblichen Artgenossin auf den Rücken steigt.

Die vom lokalen Tourismusverein aufgestellten Sitzbänke tragen Metallplaketten mit eingravierten Lebensweisheiten. Eine geht so:

Der Vorteil der Klugheit liegt darin, dass man sich dumm stellen kann.
Das Gegenteil ist schon schwieriger.

Kurt Tucholsky

Oberhalb Tufertschwil schneebedeckter Grund der Sorte extra nass. Einkehr im Restaurant «Frohe Aussicht» in Winzenberg, wo ich als einziger Mittagsgast vorzüglich tafle. Beim Kaffe «gspröchle» mit der Wirtin über Aufstieg und Fall des Openairs Tufertschwil. Das ganze Dorf sei jeweils auf den Beinen gewesen, der Anlass immer grösser geworden, bis die Akzeptanz bei einzelnen Anwohnern in den Keller fiel und zudem ein miserables Schlechtwetter-Management – Festivalgelände und Umgebung mitsamt den Autos versoffen im Morast – den Namen Tufertschwil von der Openair-Landkarte tilgten, erzählt mir die aufgeweckte Frau. Der Organisator habe es dann noch in Jonschwil versucht, wo er ebenfalls wegen ungünstiger Wetterverhältnisse und ihren unliebsamen Folgen für den Boden die Segel habe streichen müssen. Das Tufertschwiler Openair findet nun in Arbon statt, wo sich das Gelände besser für Anlässe dieser Art eignet.

Ich verlasse die gemütliche und in den Neunzigerjahren liebevoll renovierte Gaststube nur ungern. Draussen ist die Aussicht alles andere als froh und das Gehen nicht eben lustig bei Windböen, Regen, 7.5 cm Schneepflotsch und leckendem Schuh. Besserung der Lage dann in Magdenau mit seinem Kloster. Abrupter Schneestop, zaghafte Sonne gar. Abstieg nach Flawil, daselbst durch das Werkgelände der FLAWA. Der Anblick des Firmenlogos erinnert mich unweigerlich an meine Kindheit. FLAWA stellt unter anderem Produkte für die Wundversorgung her.

Bildlegende von oben nach unten:

– Birke und Weg beim unteren Schauenberg

– Kalb im Beggenstadel des Klosters Magdenau

– Baumgruppe mit Wegkreuz beim Kloster Magdenau

– Plastik beim Eingang zum Restaurant Rössli in Flawil


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Hallo René
Deine Blogeinträge sind einfach immer wieder Unterhaltung pur! Man kann sich so richtig vorstellen wie du mutterseelenallein mit nassen Füssen den Widrigkeiten des Wetters trotzt!Sehrwahrscheinlich hat dich schon jemand über Ösi Feuz aufgeklärt und du weisst, dass der werte Beat Feuz mit seiner Österreichischen Freundin nach Österreich ziehen will ... also eigentlich eine glatte Lüge, ihn Ösi zu nennen, denn wenn einer dort wohnt, ist er nicht gleich ein Österreicher ... ja, die liebe Presse (Blick war dabei?). Ich hoffe, dass dir der Wettergott an deinen nächsten Samstagsausflügen etwas angetaner ist und du wieder Begleitung haben wirst. Liebi Grüess us Richebach

 




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19. JANUAR 2012

Missionar mit Widersprüchen

Es gibt auf dieser Welt ein immer wieder zu beobachtendes Phänomen, nennen wir es inzüchtiges Verbrüderungsritual. Dies ist jeweils dann der Fall, wenn sich Gleichgesinnte irgendwo auf dem Planeten treffen, um sich die Wichtigkeit und Richtigkeit ihres Treibens zu bestätigen. Der Österreicher Gregor Sieböck, kritischer Zeitgenosse, Weltverbesserer und Buchautor, brach 2003 von seiner Heimat zu Fuss auf, um vorerst auf dem Jakobsweg nach Finisterre und von dort südwärts durch Portugal bis Lissabon zu gehen. Der für die Entschleunigung plädierende Jungspund legte hierbei nicht selten Tagesetappen von 50 und mehr Kilometern zurück, um sodann nach Patagonien zu jetten, wo der Fusstrip durch Argentinien, Chile und Peru seine Fortsetzung nahm. In seinem 2010 erschienenen Erlebnisbericht erzählt der Weltenwanderer, wie er sich zu nennen pflegt, von dieser Reise. Doch meist beschränkt sich der Text mit belanglosen Erinnerungen über Unterkunft, Verpflegung und Begegnungen mit anderen Weltenbummlern, in einzelnen Fällen auch mit Einheimischen.

Dabei ist Sieböck mit der Mission für eine bessere Welt unterwegs, will weniger Verkehr, weniger Konsum, weniger Hektik, weniger Umweltverschmutzung, weniger Ballast – auch seelischen. Kein Wunder, beginnt sich der Wanderer in Kalifornien, das er ebenfalls mit dem Flugzeug erreicht, masslos über die dortigen Zustände aufzuregen, was durchaus verständlich ist, geht er doch tagelang der Autostrasse entlang nordwärts. Seinen Plan, Japan von den USA aus anzusteuern, begräbt er irgendwann und fliegt erneut Tausende von Kilometern um die halbe Welt zurück nach Österreich, von wo er mit der Bahn ostwärts Richtung Japan aufbricht. Klar doch, dass auch Japan den zunehmend spirituell und sensibler werdenden Sieböck nur teilweise zu begeistern vermag. Vielleicht hätte er nicht tagelang in Tokio herumwandern sollen. Item.

Den Abschluss seiner vornehmlich mit dem Flugzeug zurückgelegten Weltenwanderung bildet eine Schiffsreise nach Neuseeland, welches er in seiner gesamten Länge von Nord nach Süd durchquert. Wie zuvor trifft er sich hier ab und zu mit irgendwelchen Umweltaktivisten, womit wir bei den einleitenden Zeilen wären.

Ohne die Leistung und die Mission Sieböcks schmälern zu wollen, die Art und Weise der Umsetzung seines Vorhabens scheint mir fragwürdig. Was nützt es, wenn man seine Ideen genau jenen Leuten präsentiert, die eh schon so denken und handeln wie der Missionar selbst? Wäre es nicht sinnvoller, eine derartige Initiative, die durchaus zu begrüssen ist, vermehrt in Industrieländern zu zelebrieren? Müsste man nicht mit Industriebossen, Politikern, Wirtschafts- und Bankenvertretern in Kontakt treten, um seine Ideen und das damit verbundene Projekt darzulegen?

Sieböck kritisiert zu Beginn seines Buches all jene, die täglich ihrem Job nachgehen. Gleichzeitig profitiert er genau von dieser Spezies Mensch, indem er sich von Fluggesellschaften, Buchverlegern, Beherbergern, Journalisten, Lebensmittelherstellern, Lesern, Vortragsbesuchern bedienen und versorgen lässt. Ein schaler Beigeschmack begleitet daher das hier vorgestellte Buch.

Gregor Sieböck: Der Weltenwanderer, Malik, Piper Verlag, München, 2011

 




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15. JANUAR 2012

Die surreale Windschutzscheibe und Ösi

Heute auf dem Programm: Sonntagsprobe mit «meinem» Chor. Spontanentscheid gestern: zu Fuss die gut 14 km nach Thun gehen. Bise hin oder her. Abmarsch im verschatteten Gürbetal. Kalt war die Nacht, pickelhart der Boden. In Gurzelen rockiger Pianosound aus dem Versammlungslokal der Heilsarmee. Unweit davon, am Sonntagsblick-Automaten die Schlagzeile «Feuz wird Ösi». Wer Feuz ist, wusste ich zufälligerweise. Feuz siegte tags zuvor am Lauberhorn das Abfahrtsrennen. Was aber ist «Ösi»? Eine Art Mattenenglisch der Weltcup-Aficionados, eine mutierte Form des stadtfreiburgischen Bolz oder ein verblödeter Insiderbegriff aus dem Musikantenstadel? Vielleicht hilft mir die Blog-Leserschaft auf die Sprünge.

Gurzelen verliess ich bei Sonnenschein und betrat sodann die wohltuende Glaziallandschaft zwischen Gürbe- und Aaretal im Westen Thuns. Mit den Augen scannte ich das gesamte Berner Oberländer Panorama ab. Beim Anblick der Schneeberge verspürte ich erstaunlicherweise kein Reissen, fand ich mich doch in diesen sanft verhügelten Geländekammern pudelwohl. Bei Thierachern eine Steilstufe an dessen Fuss der Glütschbach mäandriert. Die Stelle nennt sich Chandermatten, was damit zu tun hat, dass einst die Kander durch die Gegend floss. Seit 1714 macht die Kander indes einen Schlenker via Thunersee. Ein damals bei Einigen errichteter Stollen wurde als Lösung für die in der Thuner Allmend immer wieder Schaden anrichtende Kander erachtet. Seit 2008 sorgt bekanntlicherweise ein Entlastungsstollen in Thun für höhere Abflussmengen, damit Hochwasser wie anno 2005 nicht wieder auftreten sollten.

Aussenseite eines Kohlblattes nach frostiger Nacht bei Uetendorf Berg

Auf Thierachern folgte die Thuner Allmend, genauer, der Truppenübungsplatz unserer Armee. Der beinhart gefrorene Boden bot mir die Möglichkeit, im Stechschritt die Weite zu durchqueren. Wo wochentags allerhand Kriegsgerät zur Anwendung kommt, liess sich nun bequem den Weg abkürzen. Vorbei an einer Häuserkampfanlage. Erinnerungen kamen hoch. Während einer Viertelstunde spulte ich innerlich noch einmal meine ganze Militärkarriere ab: Radfahrer RS in Romont, danach zweimal drei Wochen Wiederholungskurs, Ausmusterung durch die ärztliche Untersuchungskommission. 23 mehrheitlich sinnlose Wochen. Auch überlegte ich kurz, wie oft unsere Armee seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der ihr zugedachten Bestimmung (Verteidigung des Friedens) im Einsatz war. Mir kam kein einziger Fall in den Sinn. Statt dessen wurden die Truppen immer wieder im Kampf gegen die Naturgewalten eingesetzt. So unter anderem auch im August 2005, beim Hochwasser in der Stadt Thun …

Nach dreieinhalb Stunden langte ich im Probelokal des Chors an. Das aktuelle Programm besteht aus Film- und Musicalmelodien. Das erste Stück heute war «Summertime» aus Porgy & Bess. Echt passend zum Wetter vom Morgen, wenn auch die Temperaturen noch nicht wirklich passten.

Und nun noch einmal zurück nach Gurzelen. Nebst dem Heilsarmee-Rock-Pianisten und dem Ösi-Rätsel war da ein über Nacht draussen stehen gelassenes Auto, dessen Windschutzscheibe die Folgen der feuchten Kaltluft in skurril-surrealer Zeichnung wiedergab. Mich erinnerte das Bild an eine Satelitenaufnahme aus subarktischen Gefilden. Bald schon würde der Autobesitzer kommen, um in verrenkter Haltung die Herrlichkeit – dieses Wunderspiel der Natur – wegzukratzen. Womöglich fährt er dann zur Zeitungsbox, wo er den Sonntagsblick herauszieht und lesen wird, weshalb um alles in der Welt Feuz zum Ösi wird.

 




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13. JANUAR 2012

Vom prickelnden Gefühl auf dem Weg zu sein

Es kommt selten vor, dass ich im Anschluss an einem strengen Bürotag auf der Bahnfahrt nach Hause noch ein Buch zu lesen gewillt bin. Bei Ulrich Grobers «Vom Wandern» indes war dies etwas anders. In 12 Kapiteln erzählt der Publizist und Journalist von Wanderungen in verschiedenen Gegenden Deutschlands, Tschechiens, Österreichs und der Schweiz. Er berichtet über noch so kleine Beobachtungen am Wegesrand, hält unzählige Momente und Gedanken fest, sodass mit jeder gelesenen Seite dem Leser das Herz aufgeht. Grobers lebendige Texte wecken nicht nur die Rousseausche Sehnsucht, den Weg zurück zur Natur zu Fuss zu gehen, sie vermitteln auch eine unglaubliche Fülle an philosophischem, technischem, ökologischem, physikalischem und historischem Wissensgut, das weit über die Wanderthematik  hinaus geht. Die 12 Kapitel beinhalten überdies vertiefende Aufsätze zum jeweiligen Thema, in hervorragend recherchierter Qualität. Obschon dem Reiz des Wanderns verfallen, imponiert Ulrich Grober nicht durch Wanderheroismus. Anders ausgedrückt: Der multifunktionale Wert des bewussten Fussgängertums – unabhängig davon, wie lange und wo in unseren Breiten sich der Homo erectus schrittelnd fortbewegt – erhält durch die subtilen Texte neue Argumente für einen sinnvolleren Umgang mit unserer Mobilität. Daher meine Empfehlung an den Verlag: Karren Sie dieses Buch stapelweise an die Kassen von Autobahnraststätten, Tankstellen, Drive-ins und Parkhäusern, denn es könnte die Welt verändern.

Ulrich Grober: Vom Wandern – Neue Wege zu einer alten Kunst, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 2011

 




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7. JANUAR 2012

Sturm und Drang

«Aargau rundum» nenne ich mein neuestes Gehprojekt. Und um es gleich klar zu stellen: Ja, es soll nach dessen Vollendung in die Herausgabe eines Buches münden. Die Idee ist, den Kanton Aargau möglichst nahe seiner Grenze zu umrunden. Klar doch, gegen den Uhrzeigersinn und auf Wegen, die mitunter nicht jeder zu benutzen pflegt.

Aarau–Olten war Etappe 1 der Aargau-Umrundung. Grün die Kantonsgrenze, rot die Route

Heute war also Wanderstart. Lausig die Wettervorhersage und daher genau das Richtige für mein Wandergrüppchen, für das ich im gedanklichen Nachgang endlich den passenden Namen gefunden habe: «Sturm und Drang». In der Schalterhalle des Bahnhofs Aarau legten wir los und kämpften uns in der Folge durch stürmisches Schneegestöber, endlose, endlos rauschende Forste, entlang der berauschend rauschenden Autobahn und über das steilgipflige Säli bis zu den Eingeweiden Oltens, dem legendären Bahnhofbuffet, welches unter der Ägide einer Gastrofirma mit dem schwermütig-verheissungsvollen Namen «Autogrill» betrieben wird. Für die 23 km hatten wir angesichts des steifen Nordwests bloss drei Pausen übrig. Unvergesslich dabei jene in der A1-Unterführung in Safenwil. Trocken zwar, aber bei einem Wind-Chill-Faktor von geschätzten 5. Noch stehen 19 Etappen und 344 km an.

Der schönste Abschnitt: Hardcore-Wandern entlang der Autobahn A1 in Safenwil

 




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4. JANUAR 2012

Manchmal …

… wünschte ich, ich wäre 'ne Katze. Den ganzen Tag rumflätzen, zwischendurch ein paar Happen fressen, dann auf Revierpirsch oder sich von seinen Liebsten kraulen lassen. Das Mäusefangen würde ich getrost meinen Konkurrenten zugestehen, derweil ich die jungen Vögelchen genauer unter die Lupe nehme, den Hund vom Nachbarn ein wenig ärgere oder meine Krallen am Lindenbaum wetze. Und vielleicht macht es diese Katze ebenfalls so. Ihr begegnete ich im vergangenen Juni in der Nähe von Urnäsch im Appenzell-Ausserrhodischen.

 




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1. JANUAR 2012

Willkommen 2012!

Ich hätte dennoch wandern gehen sollen, das Wetter war gar nicht so übel wie vorerst befürchtet. Statt dessen fuhr ich mit der Bahn durch die halbe Schweiz und dachte dabei an das in der Altjahreswoche gesichtete Guerilla-Plakat am Bahnhof von Spiez. Das Sympathische an der von einem Sozial-Aktivisten lancierten Aktion: Das Plakat ist witzig, gibt zu denken, ist ohne grossen Aufwand und Folgeschäden zu entfernen und es bekennt Farbe. Die klein gedruckte Internetadresse fairch.com weist auf die Website der Verursacher hin. In ihren Projekten entstehen solare Gemeinschaftsküchen, lernen die Menschen wirtschaftliche Zusammenhänge kennen und erhalten einen würdigen Zugriff zur Familienplanung. Hauptziel ist es, so viel Unabhängigkeit wie möglich zu gewährleisten, indem nicht nur Symptome sondern auch Ursachen behandelt werden. So bin ich denn sehr gespannt auf alles, was da 2012 kommen mag. An den Hype mit dem Weltuntergang freilich glaube ich trotz allem nicht.

 

 

 

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